
Bereits die Ankündigung hatte es in sich: Was Marcel Kuhnt und Rüdiger Hülsmann vorhatten, war nicht weniger als eine hochrealistische Bussimulation, die durch die Kombination von Detailtreue und zeitgemäßer Grafik beeindruckte. Wir haben uns das kürzlich erschienene Programm genauer angesehen.
Beide Entwickler haben sich bisher einen Namen durch ihre aufwendig gescripteten Umsetzungen der Berliner U-Bahn in BVE und Trainz duch Flugsimulator-Content auf sich aufmerksam gemacht. Nun begehen sie ein weiteres Subgenre der Simulationen: Das Busfahren.
Plattform OMSI
Die Programmierer entwickelten eine völlig neue Simulationsplattform, deren Grafikengine auf DirectX9 basiert. Natürlich ist das nicht die aktuellste Version und OMSI baut auch nicht auf Effekte wie Blurring (Bewegungsunschärfe) & Co – soviel vorweg: Das hat die Simulation auch nicht nötig. Zum anderen sind DX9-Spiele auch unter Windows XP lauffähig. Der Simulator ist sehr offen gehalten, Konfigurationsdateien werden im Textformat gespeichert und sind somit gut zugänglich und einfach editierbar. Mit einem intuitiven und gut dokumentierten SDK setzt OMSI auf die Erweiterung durch Addons und kreative Köpfe der Forum. Umfangreiche Scriptmöglichkeiten erlauben es, spezifische Komponenten umzusetzen.

Simulationsgedanke
Doch auch (bzw. gerade!) der mitgelieferte Inhalt macht OMSI so beeindruckend. Ziel ist es weniger, wie in anderen Simulationsspielen bestimmte spezifische Aufgaben zu übernehmen. Hier unterstreicht OMSI den Simulationsgedanken: Es gibt eine Situation, die sich aus einer Strecke, Datum & Zeit und einer Wetterauswahl zusammensetzt. In dieser Situation gilt ein bestimmter Fahrplan, in dem man einen Umlauf übernehmen kann oder als Verstärker fährt.

Die erste Fahrt
Wie es sich für eine „echte“ Simulation gehört, wird das Prinzip „Einsteigen & Losfahren“ nicht funktionieren. Übernimmt man keinen Bus im Fahrbetrieb, ist das Gefährt zunächst aufzurüsten. Also platziere ich mir einen modernen D92 Doppeldecker an der Endstelle Freudstraße. Als Erstes steckt man den Zündschlüssel rein – ist die Elektrik aktiviert, ertönt die IBIS-Startmelodie. In IBIS („Integriertes Bordinformationssystem“) sind einige Zahlenkombinationen (die im Handbuch erläutert werden) als Codierung für Liniennummer und Fahrroute einzugeben. IBIS kümmert sich schließlich um die große Zielmatrixanzeige an der Frontseite, Fahrkartenentwerter, Ansagen und mehr.
Freilich ist bei älteren Busmodellen in OMSI noch das Rollband zu bedienen, was seinen eigenen Reiz hat – denn der Spieler hat die Kontrolle über jedes einzelne Band, womit es möglich wird, unsynchronisierte Stellungen der Liniennummernanzeige zu erreichen – ein wunderbares Detail!
Ist das richtige Ziel eingestellt, wählt man einen Umlauf, startet den Motor und kann pünktlich die ersten Meter zur Starthaltestelle losfahren. Türen auf, die Fahrgäste steigen ein. „Wird man jetzt hier schockgefrostet oder was?!“ motzt mich der erste an. Einen Blick aufs Thermometer geworfen: Hui, hier ist es wirklich etwas kühl. Also wird erstmal die Lüftung plus Heizung angestellt, woraufhin die Temperatur kontinuierlich steigt. Der nächste Fahrgast will eine Kurzstrecke für eine Mark Siebzig und reicht einen Zehner. Die D-Mark ist wieder da, was für ein nostalgisches Wiedersehen! Aber nun erstmal die richtige Taste auf dem Fahrscheinautomaten finden. „Ich wollte eigentlich einen anderen Fahrschein!“ Ok, das war sie wohl nicht, jetzt aber… Und noch das Wechselgeld ausgeben – natürlich beschwert sich der freundliche Herr noch über das viele Kleingeld! Ja, die Berliner Schnauze sollte man in OMSI wirklich ertragen können.
Die Verspätungsanzeige zeigt es an: Es ist höchste Zeit loszufahren. Die enge Wendeschleife Freudstraße liegt unweit der Grenze zur DDR und ist über eine Betonplattenstraße erreichbar. Der Bus rumpelt über die Übergänge. Sowohl die physikalische Umsetzung von Fahrwerk und Hydraulik, als auch die hervorragenden Tonaufnahmen imitieren das Fahrgefühl eines echten Busses auf dieser Straße perfekt.
Die erste Kurve ist eng und das Gefühl für die Ausmaße des großen Doppeldeckers fehlt nocht – es kommt wie es kommen muss: Abermals rumpelt es kräftig. Diesmal allerdings, weil das Hinterrad über den Bordstein ging. „Boah, der fährt aber schlecht!“, hört man von hinten. Woher sollen die Fahrgäste auch wissen, dass heute mein erster Tag ist?

Geräuschkulisse
Es klang bereits an: Auch akustisch ist OMSI ein Erlebnis: Die Detailverliebtheit der Entwickler kannte scheinbar keine Grenzen. So machen sich die verschiedenen Straßenbeläge bemerkbar, auch am Bahnübergang scheppern die Fahrkartenentwerter und Haltestangen bei der Überfahrt. Es macht einfach Spaß, die vielen Kleinigkeiten zu erkunden – irgendwann ist auch der Scheibenwischer an der Reihe, der über trockene Scheiben hörbar schabt, während er auf nassen angenehm gleitet. Hält der Spieler an der Ampel, hört man die Automatik in den Leerlauf schalten, was die Klangfarbe des Motors sofort ändert. Überhaupt ist die Umsetzung der Motorsounds das i-Tüpfelchen! Angefangen bei satten Originalaufnahmen der damals noch sehr lauten Busse gibt es bis zur perfekten Abmischung der Geräusche nichts zu bemängeln! Ich kann es mir einfach nicht verkneifen, im Fahrgastbetrieb gezielt einen Kickdown zu machen… Es ist ein Erlebnis, zumal man auch auf der virtuellen Rückbank, direkt über dem Motor, Platz nehmen kann. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass die Fahrzeuge vorlagengetreu außen anders klingen als innen. Öffnet der Busfahrer das kleine Seitenfenster, dringen Geräusche von außen nach innen - beide Klangfarben vermischen sich zu einer neuen Nuance… Kurzum: OMSI bietet einen akustischen Hochgenuss!

Individuell agierende KI
Die nachgebildete Strecke führt uns nach Berlin Spandau – im Jahre 1989! Hier sind noch kantige Mercedes, die ersten Golfgenerationen und Mantafahrer auf den Straßen unterwegs! Der Straßenverkehr ist sehr realistisch umgesetzt, die KI-Fahrzeuge verhalten sich wie in echt. Dazu gehören Spurwechsel ebenso dazu wie hin und wieder auch Fahrfehler. So heißt es für den Spieler, besonders achtsam zu fahren – schließlich hat man die Verantwortung für seine Fahrgäste. Daran ändern auch eine eventuelle Verspätung und das zugehörige Nörgeln der Berliner nichts. Wer mit überhöhter Geschwindigkeit über die Straßen Spandaus rauscht, wird schnell das erhöhte Unfallrisiko feststellen: Die Autofahrer rechnen nicht mit Formel1-Bussen und nehmen einem ggf. die Vorfahrt. Ein Unfall kostet wertvolle (Fahrplan)Zeit, denn in OMSI heißt es es wie im richtigen Leben die Polizei zu rufen, die dann die Unfallstelle räumt. Und nein, denken Sie nicht mal an Fahrerflucht: Sie ist auch im virtuellen Berlin eine Straftat und wird geahndet – schließlich ist ihr Bus nicht schwer zu identifizieren...
Insgesamt erscheint schnell die Interaktivität der Simulation als das große Plus: Menschen bevölkern die Bürgersteige, gehen mal unachtsam über die Straße oder machen sich als unwirsche Fahrgäste bemerkbar. Die Dialoge mit den Fahrgästen (und per Hupe auch mit anderen Autofahrern) hauchen der Simulation Leben ein!

Streckenführung
Die Strecke der nachgebildeten Linie 92 beginnt an der Endstelle Freudstraße kurz vor der Grenze zur DDR. Von der Wendeschleife aus ist der Mauerstreifen schon zu sehen. Die Buslinie führt über die Falkenseer Chaussee zum gleichnamigen Platz im Herzen Spandaus. Er ist der Schreck aller Fahrschüler, denn hier gibt es einen großen Kreisverkehr mit vielen Spuren und noch mehr Ampeln. Auch ich habe bei den ersten Durchfahrten den einen oder anderen Schweißtropfen vergossen… Hier macht die Linie 92 einen Abstecher zum U-Bahnhof Altstadt Spandau, um dort (mit funktionierender Balkenampel-Sonderschaltung) gleich wieder zu wenden. Nach erneuter Fahrt durch den Kreisel wird das Rathaus Spandau erreicht. Vor 22 Jahren gab es hier noch keinen Glaspalast oder Einkaufsarkaden. Stattdessen rumpeln nostalgische S-Bahnen aus den 20er Jahren über die alte Blechbrücke. Dennoch ist die Szenerie auch mit dem heutigen Erscheinungsbild unverkennbar zu vergleichen. Sogar die Belegung verschiedener Ladenzeilen stimmt mit dem Original überein. Bei der Umsetzung zeigen die Programmierer eine einwandfreie Recherche des historischen Stadtbilds.
Die Fahrt führt schließlich weiter über Nebenstraßen zur Heerstraße, die wiederum bis zur Stadtgrenze abgefahren wird. In direkter Grenznähe kommt ein ganz besonderes Flair auf, denn der Grenzübergang wurde eindrucksvoll rekonstruiert. Nach einer Schicht ist es dem Spieler möglich, den Bus auf dem Spandauer Betriebshof unweit der Heerstraße abzustellen.
Fahrzeugwahl
Die Auswahl an Busmodellen ist groß. Es stehen sage und schreibe 13 verschiedene Ausführungen der Modelle MAN SD200 und SD202 der Baujahre 1977 bis 1992 zur Verfügung. Dazu kommen zahlreiche Werbelackierungen von schnöde-sachlicher Möbelhauswerbung bis hin zum poppig-bunten Bus mit Drogerie-Vollwerbung in Blümchenlackierung. Die verschiedenen Fahrerpulte sind stimmig nachgebildet, was auch auf den gesamten Innenraum zutrifft, in dem man an verschiedenen Stellen Platz nehmen kann. In dieser Perspektive fällt es in den modernen SD202ern sofort auf, wenn der Spieler vergisst, im IBIS die Haltestellenanzeige weiter zu schalten.

Alle reden vom Wetter…
…wir auch. Die Wettersimulation ist in OMSI nicht nur optisch toll umgesetzt. Die verschiedenen Situationen wirken sich auch auf den Simulationsverlauf aus und fordern den Spieler auf, entsprechend zu handeln. Im Hochsommer sind die Fenster zur Lüftung zu öffnen und im Winter ist zu heizen – andernfalls nörgeln die Fahrgäste zu Recht. Nach einer Runde im Schneematsch sieht der Wagen entsprechend aus. Bei „Schmuddelwetter“ und Schneefall ist der Scheibenwischer Pflicht, sonst wird man sehr bald nichts mehr erkennen können. Die Krönung ist schließlich „überfrierende Nässe“ – wer hier pünktlich ist, beherrscht den Bus wirklich! Die KI-Fahrzeuge fahren nicht umsonst besonders langsam. Auch für den Spieler empfiehlt es sich, will man nicht am Bordstein oder der Stoßstange des Vordermanns landen. Vorbildgetreu sollte anfangs eine Bremsprobe gemacht werden – das ABS wird sehr schnell reagieren!
Aller Anfang ist schwer!
Es ist fast unmöglich, sofort in den fahrplanrestriktiven Planbetrieb einzusteigen. So sollten für die ersten Fahrten die Realitätseinstellungen etwas runtergeschraubt werden, beispielsweise empfiehlt sich ein vereinfachter Fahrkartenverkauf. Zum Üben wurde auch eine zweite, fiktive Strecke „Grundorf“ erstellt, die kürzer und leichter zu beherrschen ist. Damit ist sie für Fahrschulfahrten (natürlich wird der Bus auch so geschildert!) gut geeignet. Die Bedienung erfolgt zunächst über zahlreiche Tastenkombinationen, die man nach wenigen Runden intus hat. Die Buslenkung erfolgt über eine ungewöhnliche Steuerung mit drei Tasten, die sich mit etwas Übungszeit aber als sehr geeignet herausstellt. Richtig Spaß macht OMSI natürlich nur mit einem PC-Lenkrad, das problemlos angeschlossen werden kann. Echte Busfreaks greifen hier natürlich zur 900-Grad Ausführung.

Weiterhin lohnt sich ein Blick in das umfangreiche Handbuch, das alle Vorgänge genau beschreibt und gut lesbar geschrieben ist. Zahlreiche Zusatzmaterialien wie Streckenkarten, Zielschildtabellen und Fahrpläne runden den Lieferumfang ab.
Nennenswert ist der sehr hohe Ressourcenbedarf der Simulation. Auch mit einem HighEnd-Rechner wird man OMSI nicht auf „maximalen“ Einstellungen spielen können. Das ist auch gar nicht das Ziel. Es sind unzählige Optionen gezielt konfigurierbar, womit OMSI gezielt auf den eigenen Rechner angepasst wird. Dazu liefern die Programmierer Voreinstellungen für Rechner verschiedener Beschaffungsjahre mit, die sich bei unseren Tests als optimal herausstellten.
Fazit
Die Entwickler haben einfach an alles gedacht. OMSI übertrifft alle bisher da gewesenen Bussimulationen und kann mit einer einmaligen Kombination aus mustergültiger Vorbildrecherche, Detailverliebtheit und grafischer Umsetzung punkten. So bleibt ein großer Wiederspielwert und die Vorfreude auf OMSI-Addons, die weitere Busse und Strecken liefern! Erste Erweiterungen sind im Herstellerforum bereits durch die Forum veröffentlicht. |